Kollagen ist mit rund 5 Milliarden US Dollar jährlich ein umsatzstarkes Nahrungsergänzungsmittel und der Markt soll noch steigen. Aber lohnt es sich, Kollagen oder besser Kollagenhydrolysat einzunehmen? Die Werbung verspricht ja allerhand Vorteile für die Schönheit von Haut und Haaren. Aber: Darum geht es nur am Rande. Man sollte soch nicht so oberflächlich denken. 😉 Kollagen hat einiges zu bieten.
Wofür ist Kollagen gut?
Kollagen ist nicht umsonst ein beliebtes Nahrungsergänzungsmittel. Schade nur, dass sich kaum jemand bewusst ist, wofür es alles gut sein kann. Es geht weit über schöne Haut und Haare hinaus. Aber es fängt damit an.
Hautregeneration
Kollagen ist der Hauptbestandteil der Haut. Und nehmen die Kollagenfasern der Haut mit der Zeit Schaden, beschleunigt das die Hautalterung. Die Dichte und Stärke des Kollagens nimmt ab, weil der Abbau die Neusynthese übersteigt.
Kollagensupplemente können tatsächlich die Haut verbessern, den Alterungsprozess umkehren, Falten reduzieren und die Haut verjüngen. Das klingt jetzt stark nach Werbung. Kann man aber in wissenschaftlichen Arbeiten nachlesen. Nur mit der Zeit übertreibt die Werbung. Die Falten straffen sich nicht über Nacht, auch nicht in zwei Wochen. Den Studien nach muss man schon bis zu 24 Wochen auf positive Ergebnisse warten. Aber immerhin – ich habe das immer für reine Lügen gehalten. Ach ja – es sind keine teuren Hautcremes nötig. Die Ergebnisse stammen aus Studien, in denen die Probanden oral niedermolekulare Kollagenpeptide eingenommen hatten. Also kleingehäckseltes Kollagen.
Knochendefekte
Knochen bestehen aus Calciumphosphat, das in Kollagen eingebettet ist. Knochendefekte sind ein Mangel an Knochensubstanz, der verschiedene Ursachen haben kann. Für die Rekonstruktion von Knochen verwendet man in der medizinischen Gewebekonstruktion „Gerüste“ aus Kollagen – aber das ist nichts für den privaten Haushalt.
Sarkopenie
Sarkopenie bezeichnet den schleichenden Verlust von Muskelmasse, der die Funktion der Muskeln herabsetzt. Sie betrifft vor allem Ältere, körperlich wenig aktive Menschen. Behandelt wird sie mit Sport und Nahrungsergänzungsmitteln. Es hat sich gezeigt, dass Kollagen sich gut eignet, die Symptome der Sarkopenie zu lindern, vor allem, wenn man nach dem Training Kollagenpeptide einnimmt.
Wundheilung
Kollagen wird schon lange als Verbandsmaterial zur Wundversorgung eingesetzt. Polymerverbände beschleunigen die Wundheilung. Kollagen – Hydrogel dient als feuchter Wundverband, der die Hautbildung deutlich beschleunigt. Aber auch oral eingenommen kann Kollagen, in Form von bioaktiven Kollagenpeptiden, die Wundheilung noch beschleunigen.
Zahnmedizin
Bei Parodontitis, dem gefürchteten Rückgang des Zahnfleisches, der zum Verlust des Zahnes führen kann, kann ein Gerüst aus Kollagen helfen, den Zahnfleischrückgang zu stoppen. Auch nichts für Zuhause.
Gastroösophagealer Reflux (GÖR)
Gastroösophagealer Reflux (GÖR) ist der Rückfluss von saurem Mageninhalt in die Speiseröhre. Er wird oft durch einen schwachen Schließmuskel verursacht. Kollagen Typ 3 ist da irgendwie mit beteiligt, wie man festgestellt hat. Die Folge sind Sodbrennen, saures Aufstoßen, und im schlimmsten Fall Speiseröhrenkrebs. Mit Kollagen aus Rinderhaut, das unter die Schleimhaut der Speiseröhre injiziert wurde, konnten die Beschwerden gelindert werden.
Arthrose
Arthrose ist eine degenerative Gelenkerkrankung, die durch den Verschleiß des Knorpels gekennzeichnet ist. Knorpel besteht hauptsächlich aus Kollagen Typ 2 und dieses Kollagen, beziehungsweise daraus gewonnene Peptide, erweisen sich auch als wirksam gegen Arthrosebeschwerden.
Rheumatoide Arthritis (Rheuma)
Rheuma ist eine entzündliche Autoimmunerkrankung, die vor allem die Gelenke betrifft. In klinischen Studien konnte gezeigt werden, dass aus Knorpel gewonnenes Typ 2 Kollagen die Beschwerden lindern kann.
Kollagen kann noch mehr
Die besondere Struktur des Kollagens zieht nach sich, dass zwei Aminosäuren besonders häufig darin vorkommen: Prolin und Glycin. Kollagen besteht zu einem Drittel aus Prolin und jede dritte Aminosäure ist Glycin. Beide Aminosäuren sind nicht essenziell, wir können sie selbst herstellen. Aber manche Experten meinen, dass sie unter ungünstigen Umständen durchaus knapp werden könnten. Beide Aminosäuren haben neben ihrer Funktion in Strukturproteinen noch einige Nebenjobs.
Prolin
Prolin und das verwandte Hydroxyprolin, das aus Prolin entsteht, machen ein Drittel der Aminosäuren in Kollagen aus. Ein Drittel der Körperproteine sind Kollagen. Ein Drittel von einem Drittel macht ein Neuntel – mehr als zehn Prozent. Bei 20 proteinogenen Aminosäuren ist Prolin damit deutlich überrepräsentiert und der Bedarf am schwierigsten zu decken.
Prolin scheint zentrale regulatorische Funktionen im Stoffwechsel auszuüben.
Es aktiviert den mTOR Komplex, der zelluläre Prozesse in Abhängigkeit von Nährstoffverfügbarkeit und Wachstumssignalen steuert. Prolin ist wichtig für die Synthese von Polyaminen. Diese wiederum „kleben“ gerne an DNA und beeinflussen damit Zellwachstum, -teilung, Differenzierung und Apoptose (den programmierten Zelltod). Und es ist als Radikalfänger unterwegs. Kann man doch alles gut gebrauchen.
Glycin
Glycin ist die kleinste der Aminosäuren, aber ein Molekül, das eine zentrale Rolle bei der Synthese vieler Stoffwechselprodukte spielt, die wiederum an vielen zellulären Prozessen beteiligt sind. Sie macht etwa 11 % der Aminosäuren im Körper aus und ist damit genauso häufig wie Prolin – aber schließlich sind sie ja zu etwa gleichen Teilen in Kollagen vergesellschaftet.
Weil es so klein ist, kann es das Rückgrat der Kollagenhelices bilden und aus demselben Grund findet man es oft in aktiven Zentrum, also dem Ort, an dem die Reaktion stattfindet, von Enzymen. Es schafft Platz. Außerdem ist Glycin ein Neurotransmitter und überträgt Nervenimpulse von einer Zelle auf die nächste. Glycin wirkt sich auch auf den intrazellulären Calciumspiegel aus. Calcium ist ein wichtiger Botenstoff, dessen Konzentration genau reguliert werden muss, damit der Stoffwechsel nicht entgleist. Über Calcium übt Glycin also indirekt Einfluss auf das Immunsystem, die Produktion von Zytokinen und Superoxiden aus. Superoxide sind Radikale und eigentlich schlecht, aber das Immunsystem nutzt sie als Waffe gegen infektiöse Strukturen.
Glycin wirkt sich über diese Mechanismen positiv bei verschiedenen gesundheitlichen Problemen aus. Es schützt die Leber, besonders bei Schäden durch Alkoholkonsum. ( Ist das nicht paradox? Der Verdauungsschnaps nach der Schlachtschüssel fördert nicht die Verdauung, aber das Glycin aus der Schwarte schützt die Leber? 🙂 )Glycin hilft bei Erkrankungen des Verdauungssystems, weil es die Resorption aus dem Darm erleichtert und hemmt die Säureproduktion im Magen, was bei Magengeschwüren helfen kann. Ein hämorrhagischer oder endotoxischer Schock, verursacht durch hohen Blutverlust beziehungsweise bakterielle Giftstoffe im Blutkreislauf, wird durch Glycin deutlich gemildert. Wegen seiner entzündungshemmenden Eigenschaften hilft Glycin gegen Arthrose. Eine glycinreiche Ernährung kann das Wachstum von Krebszellen hemmen. Und Glycin fördert die Durchblutrung peripherer Gefäße.
Was ist Kollagen überhaupt?
Kollagen ist unser wichtigstes Strukturprotein. Es macht etwa ein Drittel unserer Körperprotein aus. Man findet es in Haut, Sehnen, Knorpel, Knochen und auch in der extrazellulären Matrix, der Substanz, in die unsere Zellen eingelagert sind. Kollagen ist überall.
Es gibt verschiedene Kollagen Typen, die sich anhand ihrer Zusammensetzung unterscheiden und in verschiedenen Geweben vorkommen:
Typ 1 ist mit 90 % der häufigste Typ. Kommt in Haut, Knochen, Sehnen, Bändern, Zähnen und Narben vor, sowie im Bindegewebe von Blutgefäßen, Lunge oder Herz.
Typ 2 ist typisch für Knorpel. Störungen stehen mit vielen Gelenkerkrankungen in Verbindung.
Typ 3 kommt in Muskel und Blutgefäßen vor. Zusammen mit Typ 1 auch in Haut, Bindegewebe, Sehnen, Gelenkkapseln, Gefäßwänden und dem Zahnhalteapparat.
Typ 4 bildet netzartige Strukturen, aber keine Fasern, in Basalmembranen verschiedener Organe.
Typ 5 kommt in der Hornhaut des Auges, der Knochenmatrix und der extrazellulären Matrix von Lunge, Leber und Plazenta vor. Zusammen mit Typ 1 auch in Haut und Sehnen.
Aus was besteht Kollagen?
Als Protein besteht Kollagen natürlich aus Aminosäuren. Die sind wie in jedem Protein zu einer langen Kette zusammengeknüpft. Drei solcher Ketten sind zu einer Triplehelix miteinander verzwirbelt und mehrere solcher Triplehelices bilden eine Kollagenfibrille.
Diese besondere Proteinstruktur verleiht Kollagen seine mechanischen Eigenschaften. Und diese Struktur stammt von einer ganz besonderen Aminosäuresequenz, die immer wieder ein einfaches Motiv von drei Aminosäuren wiederholt: Glycin – Prolin – Hydroxyprolin. Diese Aminosäuren sind daher in Kollagen reichlich enthalten.
Welches Kollagen soll es sein?
Kollagen ist ein tierisches Protein. Aber weil es eine buchstäblich tragende Rolle spielt, kommt es in fast allen Tieren vor. Unsere wichtigsten Quellen sind Schlachtabfälle von Rind und Schwein. Auch Hühnchen und Fisch oder wirbellose Meeresbewohner sind gute Quellen. Dann gibt es noch so genanntes rekombinantes Kollagen, das von Bakterien, Pilzen oder Pflanzen produziert wird, nachdem man diesen Organismen beigebracht hat, wie das geht. In Pflanzen produziertes Kollagen könnte man durchaus als vegan bezeichnen.
Es ist wahrscheinlich gar nicht das Kollagen selbst, sondern seine Bausteine oder Bruchstücke, die allerlei nützliche Effekte bewirken können. Die meisten Studien werden mit Kollagenhydrolysat durchgeführt. Dabei ist das Protein enzymatisch in kleine Bruchstücke von wenigen Aminosäuren zerlegt. Solche bioaktiven Peptide sind möglicherweise die eigentlichen Helden in dieser Geschichte. Vor allem wird hydrolysiertes Kollagen leichter resorbiert und dadurch erst bioverfügbar. Es gibt aber auch Studien, die das native, intakte Protein verwenden und trotzdem positive Effekte erzielen. Und manche Leute schwören auf Gelatine aus dem Supermarkt. Das ist nämlich dasselbe. Im Labor heißt es Kollagen, in der Küche Gelatine.
Kollagen sollte für die Protein spaltenden Enzyme im Magen schwer zugänglich sein, weil die entweder nach aromatischen Aminosäuren (eher selten) oder nicht, wenn auf die Spaltstelle Prolin folgt (ziemlich häufig). Deswegen ist es wohl sinnvoll, ein Hydrolysat einzunehmen, wenn man Kollagen supplememtieren möchte.
Ein Kilogramm Kollagenhydrolysat ist schon für etwa 30 € zu haben. Das ist billiger als die Gelatine aus dem Supermarkt, die kommt auf 35€/kg. Amazon empfiehlt das Collagen Pulver von Wehle Sports* oder das vit4ever Collagen Pulver*. Beide Präparate enthalten ein Hydrolysat aus Rinderkollagen Typ 1 und Typ 3. Das Kollagen von Wehle ist koscher bzw. halal. Das bedeutet, dass die Tier ohne Betäubung ausgeblutet werden. DaVerbluten wohl doch kein so schöner Tod ist, und mit Angst und Stress einhergeht, würde ich das nicht kaufen.
Quellen:
Wang, Hsiuying. “A Review of the Effects of Collagen Treatment in Clinical Studies.” Polymers vol. 13,22 3868. 9 Nov. 2021, doi:10.3390/polym13223868
Wu, Guoyao et al. “Proline and hydroxyproline metabolism: implications for animal and human nutrition.” Amino acids vol. 40,4 (2011): 1053-63. doi:10.1007/s00726-010-0715-z
Razak, Meerza Abdul et al. “Multifarious Beneficial Effect of Nonessential Amino Acid, Glycine: A Review.” Oxidative medicine and cellular longevity vol. 2017 (2017): 1716701. doi:10.1155/2017/1716701